Global Player Faust
Das Verschwinden der Gegenwart. Zur Aktualität Goethes

Autor: Michael Jaeger
Seiten: 134
Format:
Taschenbuch

Preis: 14,9 € (D), 15,4 € (A), 27,9 sFr

ISBN: 9783937989709

Erscheinungsdatum:
Juni 2010

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Eröffn' ich Räume vielen Millionen Goethes Faust ist die Gestalt der aktuellen Krise. Eine Studie von Michael Jaeger
Goethes Faust ist das Drama der Stunde. Ist im global agierenden Finanzbroker nicht geradezu sinnfällig ein faustischer Zug zu entdecken, im Willen, die vermeintlichen Gesetze der Geschichte und Vernunft außer Kraft zu setzen, neue (Finanz-)Welten zu erschaffen? Michael Jaeger hat in seiner Studie »Global Player Faust« die 200-jährige Rezeption des Stückes untersucht. Der Berliner Germanist hat herausgearbeitet, wie das ungeduldige Streben Fausts lange Zeit als vorbildlich erachtet wurde, ja wie in Faust der emanzipierte, tatkräftige, leidenschaftliche »Macher« gesehen wurde – zwar in Schuld verstrickt, aber in seinem Wollen doch eine positive Bezugsfigur.

»Zur Aktualität Goethes«, heißt es im Untertitel. Unter dem Druck der aktuellen Finanzkrise lässt sich erkennen, welche mephistophelischen Züge das Börsendrama in sich trägt. Luxushotels in Dubai oder das gigantische Staudamm-Projekt am Jangtse in China tragen ganz offensichtlich Züge des Kolonisationswerks, das Faust im zweiten Teil des Dramas verfolgt, indem er das Meer mit Deichen und Kanälen einzudämmen versucht, um Neuland für Millionen zu schaffen. Im Kern aber haben die Akteure der Investmentbanken dieses Werk noch zeitgemäßer umgesetzt. In ihrem ausufernden Gewinnstreben haben sie immer neue Wertpapierpakete erdacht und geschnürt und damit eine virtuelle Kolonisation vorangetrieben: Zertifikate, Derivate – Finanzinstrumente, mit denen die ökonomischen Naturgesetze außer Kraft gesetzt, der Wellenschlag ausfallender Kredite mit immer komplizierteren Konstruktionen eingedämmt werden sollte. Spuren dieser Landgewinnung sind in der wirklichen Welt durchaus vorhanden, etwa in der Wüste Nevada, in kilometerlangen Neubaugebieten mit halbfertigen McMansions – ein Neologismus aus dem englischen Begriff für herrschaftliche Häuser und der abfälligen Mc-Vorsilbe, die für schnell und billig steht.

Anders als bei den Großprojekten in den aufstrebenden Schwellenländern China, Indien, Brasilien und einigen der Öl-Länder des Nahen Ostens ist in diesen Neubauruinen das moderne Versprechen erkennbar, die kollektive Fantasie, die den Börsen- und Bauboom erst ermöglicht hat. Es ist der nur zu verständliche Traum vom Eigenheim für jedermann, vom individualisierten Glück. Nur beflügelt von einem solchen kollektiven Bedürfnis ließen sich Immobilienkredite auch an die Schichten verkaufen, die wussten, dass sie Schwierigkeiten mit der Rückzahlung bekommen würden.

Auch Mephisto gibt im Faust II Schuldverschreibungen an Schafhirten aus: »Der Zettel hier ist tausend Kronen wert./ Ihm liegt gesichert als gewisses Pfand,/ Unzahl vergrabnen Guts im Kaiserland./ Nun ist gesorgt, damit der reiche Schatz,/ sogleich gehoben, diene zum Ersatz.« Im Pakt zwischen Faust und Mephistopheles erkennt Jaeger »das tragische Schicksal der modernen Existenz«, die vom Bewegungs- und Wachstumszwang durchdrungen sei. Nimmt man Fausts radikale Utopie hinzu, lässt sich erkennen, in welchem Ausmaß diese Moderne in der Finanzkrise zu sich selbst gekommen ist. Die Wette auf die Zukunft, die Erwartung künftigen Wachstums, die den Kern des Aktien- und Kreditgeschäfts ausmachen, besagt zugleich, dass keiner verweilen, keiner zufrieden sein darf.

In den USA kommen mehrere Motive zusammen, die den Effekt verstärken. Die kollektive Fantasie, der unbedingte Optimismus, die Voraussetzung wohl nicht nur für den Glauben an Demokratisierungsprojekte, erdacht am Reißbrett, ausgeführt durch Invasionen in der Wirklichkeit, wird von einer eigenen Industrie unterstützt. Das moderne Fortschritts- und Bewegungsideal wird als »positive thinking« übersetzt. Michael Jaeger beschreibt, wie Faust versucht, Gretchen seine über den bloß materiellen Körpergenuss hinausgehende vergeistigte »Seelenlieb'« zu schwören, die von Mephisto jedoch als »Ideologie des Herzens« entlarvt wird. Jaeger nennt Fausts Herzensrede den »sentimentalen Überbau der schieren Triebenergie.« Die Macht des positiven Denkens, die moderne Seelenrede, setzt ganz ähnlich auf Innerlichkeit – und treibt die Selbstverwirklichung an, die dann im materiellen Konsum so greif- und lebbar gemacht werden soll. In der Zukunft kann der Wert meines Ichs genauso wie der Wert meines neuen Hauses nur steigen. Das positive Denken bietet einen Vorschuss auf die eigene Persönlichkeit an, der Hypothekenkredit bezahlt die Schulden, deren Sicherheit das Haus und sein künftiger Wertzuwachs darstellen. Faust ist für einige Zeit in ein McMansion in die Wüste gezogen.

Viel ist in der Krise über die Gier der Banker und Finanzbroker gesprochen worden, und oft wurde vorgetragen, dass die Gier zwar hässlich und unmoralisch sei, aber noch nicht unvernünftig. Die Unvernunft wird jedoch gerade deutlich in der Ungeduld der Banken, Fonds und Kunden. Nicht schnell genug konnte es gehen mit neuen Bilanzerfolgen und zu befriedigenden Konsumwünschen. Das muss keine Absage an den Wohlstand – sprich: die Marktwirtschaft – als Bestandteil der Moderne sein. Es gehört nicht viel ökonomischer Sachverstand zu der Einsicht, dass maßvolles und solides Wachstum mehr Nachhaltigkeit – und letztlich auch mehr und tieferen Genuss verspricht.

Rezension von Lutz Lichtenberger



- http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/d...
Berliner Zeitung

FAZ: »Global Player Faust« ein "glänzend geschriebener Essay"
»Zweihundert Jahre nach dem Erscheinen von Goethes ›Faust. Der Tragödie erster Teil‹ inspiriert ein schmales, aufregendes Buch von Michael Jaeger dazu, das berühmteste Drama der deutschen Literatur neu zu verstehen. ›Global Player Faust oder Das Verschwinden der Gegenwart‹ ist ein vielfach einleuchtender, glänzend geschriebener Essay.«



FAZ

Mephistos Moderne

Reisend, suchend, nie innehaltend - Fausts rastloses Streben scheint Vorlage für unsere moderne Zivilisation, die durch Begriffe wie Mobilität und Schnelllebigkeit gekennzeichnet ist. In seinem Essay "Global Player Faust" zieht Michael Jaeger Parallelen zwischen Goethes Drama und der heutigen Gesellschaft - und zeigt, wie der Versuch, die Gegenwart durch ständige Erneuerung zu überwinden, letztendlich scheitern muss.

"Das verfluchte Hier!", 

ruft Faust kurz vor seinem Ende. So rufen alle, die am sausenden Webstuhl der Zeit rastlos tätig sind, um mit ununterbrochenen Innovationen und Kreationen die Zukunft zu gestalten. Der Kapitalist, immer neuer Dinge begierig, kennt kein Lob des Kairos, des glückhaften, erfüllten Augenblickes, in dem Vergängliches und Ewigkeit während einem Wimpernschlag wunderbar verschmelzen. Das Bedürfnis nach der Überholung der jeweiligen Neuzeit zur allerneusten Neuzeit jagt ihn über die ganze Erdkugel, überall muss er sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen. Er hat keine Zeit und stattdessen nur Termine. 

Trotz neuer Marken für neugierige Kunden auf immer neuen Märkten entzieht sich die Zukunft dennoch seinem planenden Zugriff und weicht wieder und wieder in weitere Fernen zurück. So bleibt er unbefriedigt von jedem Augenblick. Dem weltweit ausgreifenden Aktivisten geht es wie Goethes Dr. Heinrich Faust. Dieser ehemalige Wissenschaftler, Unternehmer, Reeder, Großhändler, Landgewinner und Immobilienmakler, hat nur begehrt und nur vollbracht, um weiter zu wünschen und zu schaffen und im rastlosen Tätigsein Qual und Glück zu finden. Wer wagt gewinnt und dem Tüchtigen als schöpferischem Zerstörer ist diese Welt nicht stumm, die er vielmehr nach seinen Plänen verändert. Wird sie dadurch schon nicht gut, so wird sie wenigstens besser als die unzulängliche Gegenwart, auf jeden Fall aber anders.

Faust wettete mit Mephisto:

"Werd' ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen, 
So sei es gleich um mich getan!
Kannst Du mich mit Genuss betrügen, 
Das sei für mich der letzte Tag"

Nur auf den morgigen Tag ausgerichtet, entzieht sich ihm endlich die Wirklichkeit. Darin liegt das Dilemma der Zeitlosen, ohne Gestern und Heute, und der Ortlosen, die ubiquitär sind, wie das Geld, hinter dem sie her jagen, und das sie über den Erdkreis treibt. Goethes Antiheld, der nicht frei ist, sondern der Magie des dynamischen Papiergelds, des Goldes und andere Werte erliegt, die Mephisto ihm herbeischafft, ist für den Berliner Germanist Michael Jaeger in seinem Essay "Global Player Faust oder Das Verschwinden der Gegenwart" der Prototyp des modernen Kapitalisten, der die Welt in einen progressiven Produktionsprozess ohne Ziel verändert. 


Er weiß zwar nicht, wohin er will, aber dafür ist er umso schneller da, immer höhere Gewinne einheimsend und immer weiter wirkend. Goethe nannte diese besinnungslose Beschleunigung veloziferisch, Luzifer, die böse Kraft, mit der Velocitas, der Mobilität um ihrer selbst willen verbindend. Goethe erschrak davor, wie man im nächsten Augenblick den vorhergehenden verspeise und den Tag im Tag vertue. Erscheinungen, die der schwärmerische Sozialingenieur Graf Claude Henri Saint-Simon in ein System brachte, das Goethe kannte, während er die letzten Akte seiner Tragödie entwarf. Saint-Simon begriff die Moderne als Verpflichtung zur unablässigen Modernisierung und Dynamisierung.

"Es ist ausschließlich die Zukunft, auf die der Mensch bedingungslos seine Aufmerksamkeit zu richten hat."

Kapitalisten verstanden um 1900 diese Mahnung unbedingt als "faustisch" und sich selbst als Ausdruck der "faustischen Seele", wie Oswald Spengler sie ihnen später einprägsam umschrieb. 

Das Projekt der Moderne begriff Saint-Simon als einen langen Prozess, sich mit Hilfe von Industrie und Wissenschaft von der Natur und der Geschichte zu emanzipieren, sich also aus der Abhängigkeit von physischen wie historischen Bedingungen zu befreien. Die unbefriedigenden Gegenwarten müssen liquidiert werden, um ins künftige Reich der sich unendlich fortproduzierenden Freiheit zu gelangen. Dies Reich ist eine neue, eine zweite Schöpfung, hergestellt vom planenden Menschen und von ihm in Bewegung gehalten durch unbedingte Tätigkeit.

"Industrie, Produktion, Arbeit und Wissenschaft bilden das Gesamtsystem der gesellschaftlichen Praxis. Arbeit ist in der neuen Welt der Industrie Organisationsinstrument und zugleich einziger Lebenssinn, weil nur die Arbeitsgesellschaft das Projekt der absoluten Perfektibilität vorantreibt."

In ihr gibt es keinen Müßiggang, keine Kontemplation, keinen Daseinsgenuss, sich und anderen in Fröhlichkeit anzugehören. Goethe, den untätigen Menschen verdrießlich stimmten, warnte allerdings auch davor, dass unbedingte Tätigkeit bankrott mache.

Faust ist dafür sein eindringlichstes Beispiel. Bis zu seinem Tode blieb Faust unzufrieden mit dem jeweils Erreichten. Den Augenblick, zu dem er sagen dürfte "verweile doch, du bist so schön", erwartete er erst in der fernen Zukunft, wenn alle in der einen Welt wimmelnd tätig sind und als Freiheit missverstehen, in Produktionsprozessen für einander da zu sein, ohne überhaupt ein Dasein im sittlichen und schönen Sinne zu kennen. Die Zukunft, die sich der erblindende und der Wirklichkeit entzogene Faust vorstellt, ist eine Welt völliger Entfremdung und Unfreiheit, in dem Funktionselemente dafür sorgen, dass der Progress-Prozess nie ins Stocken gerate. Daraus gewinnen sie ihr kollektives Heil, "faustischen" Wandlern der Welt zuarbeiten zu dürfen und mit ihnen, von ihnen bewegt, immer in Bewegung zu bleiben. 

In der viel geschäftigen Betriebsamkeit witterten Christen schon früh eine Trägheit des Herzens, sich mit der sittlichen Bestimmung des Menschen und seiner Stellung in der Welt als möglichem Reich der Sittlichkeit, des Angemessenen und des ihm verschwisterten Schönen zu beschäftigen. Faust begegnete Helena, dem Schönen, dem Ideal, wie es in der Geschichte vergeht, doch in Renaissancen durch die schönen Künste zur immer neuer, immer vorübergehender Gegenwart findet.

Der flüchtige, schöne Augenblick, erfüllt vom Schein der Kunst, hilft doch hinüber ins Sein, zur Freude am Dasein.

"Dasein ist Pflicht, und wärs ein Augenblick",

rät der begeisterte Faust der schönen Helena. Denn in diesem Augenblick, jenseits von Arbeitsethos und den Erwägungen von Nützlichkeit und Erfolg, kommt es zu dem Genießen in Fröhlichkeit mit anderen. Faust und Helena sind sich einig:

"Nun schaut der Geist nicht vorwärts nicht zurück, 
die Gegenwart allein - 
Ist unser Glück."

Faust ließ sich von der Schönheit, und wie sie in der Geschichte wirkt, nicht verwandeln und beruhigen. Der schöpferische Zerstörer in Mephistos Hand folgte dessen Devise, dass alles was besteht, verdient zu Grunde zu gehen, vergessen zu werden um dem ewig Leeren Platz zu machen. Dessen Leere wird im hektischen Taumel von Faust und seinesgleichen durch überraschende Innovationen und Zaubereien überspielt. Der Horror Vacui, das Erschrecken vor der Leere und Sinnlosigkeit, ist der Motor, der den Zerstörern der Gegenwart keine Ruhe lässt, die letzten Reste trostloser Vergangenheiten zu tilgen.

"Faust einmal in den Sog von dieser Missachtung des Seins geraten, sieht vor dem Hintergrund des 'Ewig-Leeren' nur noch die eine moderne Perspektive, der in die Vergänglichkeit geworfenen Existenz die pathetische Bedeutung einer heroischen Geste zu geben: dauerndes Streben ins Zukünftige."

Das brachte die dem Dasein glücklich Verhafteten wie Philemon und Baucis um ihr Dasein. Wo Leben sich des Lebens freute, trat der Unternehmer Faust als Entmieter mit sozialverträglichen Angeboten dazwischen. Nebenfolgen seiner Tätigkeit waren Tod, Brand, Verwüstung, Versumpfung, Untergang. Die Gegenwart ward zum Opfer des Zukunftsgestalters, der ein Ruinenbaumeister ist. Goethes symbolische Bilder reden von den Kosten ununterbrochener Modernisierungen. Davon handelt dieser brillante Essay.



- http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/lesart/772283/
Deutschlandradio Kultur / Lesart