Das deutsche Jahr Auch wenn das Buch, wie sein Autor versichert, nicht den Anspruch erhebt, eine Geschichte der Wiedervereinigung zu sein: Es ist ziemlich genau das , was der Bericht von Claus J. Duisberg leistet, und dazu in einer Weise, wie es sonst nicht auf dem Markt ist. Daran ändert nicht, dass Duisberg sich bescheiden darauf zurückzieht, nur persönliche Erinnerungen, Eindrücke und Erfahrungen aufbieten zu können. Denn die hat er an herausgehobener Stelle erworben - als Leiter der Arbeitsgruppe Deutschlandpolitik im Kanzleramt, später als abgeordneter Mitarbeiter von Wolfgang Schäuble, dem Verhandlungsführer der Bundesrepublik beim Einigungsvertrag. Die "Einblicke in die Wiedervereinigung", die das Buch im Untertitel verspricht, stammen also aus nächster Nähe. Allein das gibt dem Buch Gewicht. Dabei ist es eher von Vorteil, dass es gleichsam aus der Arbeitsperspektive geschrieben ist. Denn damit geraten die Windungen und Wendungen des Prozesses in den Blick, mit dem Politiker und Beamte versuchten, die mächtige Lawine der Veränderungen, die die Herbstrevolution losgetreten hat, in halbwegs gesicherte Bahnen zu lenken, einschließlich der dabei auftretenden Ungleichgewichte und Verwerfungen.
Das kühne Unterfangen, innerhalb weniger Monate die erodierende DDR mit der Bundesrepublik zusammenzuflicken, wird wieder gegenwärtig. Befürchtungen, das daraus unter den Händen eines Beamten, Vermerke-Verfassers und Papiere-Schreibers, ein trockenes Protokoll würde, sind gänzlich unbegründet. Im Gegenteil zeigt sich Duisberg als gut formulierender Stilist, der Sinn für die Ober- und Untertöne des Geschehens hat.
Deutlich wird, zum Beispiel, das Befremden in der Bonner Delegation darüber spürbar, dass die DDR, zumal ihr Ministerpräsident Lothar de Maizière, sich so heftig auf die Wahrung der DDR-Identität kaprizierte, aber auch Kohls Ignoranz gegen den DDR-Sachverstand auf der westlichen Seite und sein Unverhältnis gegenüber de Maizière. Auch gibt es eine Reihe knapper, origineller Porträtskizzen, etwa von dem DDR-Verhandlungsführer Günther Krause – ein „bleiches Gesicht“, „hellwach“, aber „autoritär geprägt“.
Gewiss steht der innere Aspekt im Mittelpunkt, zumal die Verhandlungen über den Einheitsvertrag, die unmittelbar nach der Wiedervereinigung bereits Wolfgang Schäuble in seinem Vereinigungsklassiker „Der Vertrag“ höchst lebendig nachgezeichnet hat. Umrahmt von den Vor- und Nachspielen der Vereinigung, vom Honecker-Besuch bis zum Abzug der russischen Truppen – bei denen der Autor ebenfalls dabei war -, erweist sich dieses Kernstück der Wiedervereinigung als eine erstaunliche politisch-bürokratische Leistung. Dass Duisberg der Ministerialbürokratie für Ihren Anteil daran anerkennend auf die Schulter klopft – und ein bisschen sich selbst auch – ist da ganz in Ordnung.
Zeitzeugenberichte über die »glücklichsten Jahre in der Geschichte des 20. Jahrhunderts« liegen zwar schon mehrere vor. Sie alle erzählen die Geschichte der Wiedervereinigung, geben Eindrücke und Reminiszenzen zum besten. Doch stechen die Erinnerungen Claus J. Duisbergs – von 1986 bis Mitte Juni 1990 Leiter des Arbeitsstabes Deutschland-Politik im Bundeskanzleramt, dann ins Bundesinnenministerium zur Unterstützung der Verhandlungen über den Einigungsvertrag abgeordnet – hervor. Der gelernte Diplomat legt zugleich einen Erfahrungsbericht mit kritischen Untertönen vor. Aus der Sicht der Arbeitsebene schildert er subtil und präzise die im Sommer 1989 allmählich heraufziehende Krise in der DDR, das zähe Ringen um die Freilassung der Botschaftsflüchtlinge und die Tage um den Mauerfall. Deutlich wird, welche Herausforderung der rasche Zerfall der DDR für die Bonner Regierung bedeutete.
Zwischen den Zeilen kommen gleichfalls die internen Auseinandersetzungen um den einzuschlagenden Kurs zum Vorschein. Duisberg schreckt keineswegs vor gelegentlichen Seitenhieben auf Vorgesetzte und Kollegen zurück. So mokiert er sich über die geringe Neigung des damaligen Kanzleramtschefs Rudolf Seiters, eine herausgehobene politische Rolle zu spielen, oder über den seit Jahren angehäuften Sachverstand alteingesessener Karrierebeamter im Bundesinnenministerium, die mehr ihre Rechtspositionen als das große politische Ziel im Auge hatten. Besonders lesenswert sind jene Kapitel, die den komplizierten Verhandlungsablauf über den Einigungsvertrag nachzeichnen. Parteienzwist in Bonn und mit der Regierung in Ost-Berlin gehörte ebenso dazu wie die Bund-Länder-Konflikte und administrativen Streitereien, welche Neujustierung der innenpolitischen Strukturen und welche Verfassungsänderungen für das wiedervereinigte Deutschland vorzunehmen waren. Bei allem weiß der Autor natürlich die Leistungsfähigkeit und Einsatzbereitschaft der Ministerialbürokratie gebührend zu würdigen. Ohne sie wäre die Einheit nicht so schnell vonstatten gegangen. Wer mehr über Hintergründe und das Denken der Bonner Administration in den aufregenden Monaten der Wiedervereinigung erfahren will, sollte auf die nuancierte Darstellung dieses Beamten zurückgreifen, der sich gelegentlich als Querdenker entpuppt.
Flüssig und über weite Strecken spannend zu lesen, schildert Duisberg die verschiedenen Stationen auf dem Weg zur deutschen Einheit, von der Flüchtlingskrise und den Massendemonstrationen im Frühherbst 1989 bis zur Unterzeichnung des Einigungsvertrags ein Jahr später. Immer wieder lässt er dabei eigene Beobachtungen und Wertungen einfließen, die jedoch nie aufdringlich oder eitel wirken. (…) Eine Stärke des Buches liegt auch in den Charakterisierungen der handelnden Personen. Duisberg lobt Kohl für sein zielstrebiges Vorgehen bis zum 3.Oktober 1990, wirft ihm aber auch vor, sein Verhältnis zur DDR sei fast ausschließlich von den Begriffen »Mauer und Stacheldraht« geprägt gewesen. Zu sehr habe der Kanzler die Wende in der DDR auch mit dem Neuanfang in der Bundesrepublik nach dem Krieg verglichen und daher erwartet, dass dort ein ähnliches Wirtschaftswunder entstehen würde wie nach der Währungsreform im Westen.
Originell auch eine Beobachtung Duisbergs bei einer Verhandlung über den Einigungsvertrag im Juli 1990. Dabei sei ihm »eine Frau mit strähnigem Haar und schlabberndem Gewand« aufgefallen, »die mit völlig ausdruckslosem Gesicht und von keinem Lächeln getrübter Ernsthaftigkeit wie eine emsige graue Maus Papiere hin- und hertrug – es war die stellvertretende Pressesprecherin des Ministerpräsidenten, Angela Merkel.
Zu jenem weltgeschichtlichen Schleudervorgang gibt es jetzt auch eine historisch fundierte Darstellung von einem, der mitten drin war. Claus J. Duisberg hat als Leiter des "Arbeitsstabes Deutschlandpolitik" im Bundeskanzleramt den Vereinigungsprozeß an einer politischen Schaltstelle erlebt. In seiner detaillierten Schilderung ("Das deutsche Jahr", Wolf Jobst Siedler jr.) zeigt er, welch elementarer Dynamik sich die politischen Akteure gegenüber sahen. Wenn man sich den atemlosen Gang der Ereignisse 1989/90 vor Augen führt, muß einem das Gerede über die "Fehler" der Wiedervereinigung wohlfeil erscheinen.
(Eckhard Fuhr)
Die Komposition aus historischer Sicht und subjektiver Berichterstattung, koloriert mit Zitaten und Beschreibungen prominenter Akteure, lässt ›Das deutsche Jahr‹ zu einem empfehlenswerten Geschichtsbuch werden.