Bomben, Trümmer, Lucky Strikes Die Stunde Null in bisher unbekannten Manuskripten
Herausgeber Peter Kruse
Im April 1945 erlebt Friedrich Luft das Ende des Krieges: »Als wir vorsichtig die schmale Treppe hinaufstiegen, nach einer kleinen Ewigkeit des Wartens, regnete es. Wir banden uns weiße Fetzen um den Arm. Da stiegen schon zwei Russen über die niedrige Mauer, über die so bedrohlich vor kurzem erst die SS-Männer gekommen waren. Die beiden Sowjetsoldaten in sonderbar langen Mänteln hielten das Gewehr lässig im Anschlag. Einer rauchte und zeigte zu uns herüber. Wir hoben die Arme. Wir zeigten auf unsere weißen Binden. Sie winkten ab, sie lächelten. Der Friede war es noch nicht. Aber der Krieg war hier aus.«
Das ist nur eine von vielen Szenen aus einer Fülle von Manuskripten, die mehr als fünfzig Jahre verschollen waren. Die Autoren waren Schriftsteller, Schauspieler und Kabarettisten, Journalisten, Wissenschaftler und Ärzte, Ingenieure, Straßenbahnschaffner und Arbeiter. Viele von ihnen wurden sehr bald bekannt, ja berühmt – von dem Theaterkritiker Friedrich Luft über den Schriftsteller und späteren DDR-Kulturminister Johannes R. Becher bis hin zu der legendären Kritikerin Karena Niehoff, dem Erfolgsautor Curth Flatow und Günter Neumann, dem Gründer der »Insulaner«.
Eines verbindet sie miteinander: Sie alle sind Zeitzeugen, die Berlin in den letzten Tagen des Krieges beschreiben und vom Wiedererwachen der zerstörten Stadt berichten – von den Tagen und Nächten in Kellern und Bunkern, vom Vordringen der Roten Armee und dem Nachrücken der Westalliierten, von Hunger und Kälte, vom überlebenskampf in einer Stadt aus Schutt und Hoffnungslosigkeit, aber auch vom Willen zum Neuanfang. Was sie erzählen, ist die Geschichte Berlins und seiner Menschen in jener Zeit zwischen April 1945 und dem Sommer 1948.
So entstand ein Buch aus Erlebnisberichten, Tagebüchern, Essays, Satiren, Gedichten und Feuilletons, das schon im Jahr 1948 erscheinen sollte. Blockade und Währungsreform aber verhinderten die Veröffentlichung. Erst jetzt, zum 60. Jahrestag der Stunde Null, erlebt der Band seine Premiere.