Allah und die Juden
Die islamische Renaissance des Antisemitismus

Autor: Hans-Peter Raddatz
Seiten: 354
Format:
Gebunden mit Schutzumschlag

ZfG:
Judenhass ist ab ovo eine destruktive Haltung. Sein Wesen beruht auf Verneinung und Aversion. Oft in der Geschichte war Judenhass der Beginn weitreichender Verachtungs- und Verneinungshaltungen, meist machte er nicht bei den Juden halt, sondern begann nur bei ihnen, um sich dann gegen andere Gruppen der Gesellschaft zu richten. Von daher ist es ein Vorzug der Antisemitismus-Studie des deutschen Orientalisten Hans-Peter Raddatz, dass sie das Phänomen islamischer Judenhass im Kontext anderer aggressiver Ressentiments orthodox-islamischen Denkens betrachtet, als Symbol des Konzepts von zweierlei Menschsein, auf dem diese religiöse Lehre beruht.
Islamischer Judenhass ist kein Mysterium, sondern etwas Offenkundiges: Verachtung, Verfolgung und tributpflichtige Unterwerfung der Juden sind expressis verbis im Koran geboten. Der von Abraham Geiger beobachtete „unauslöschliche Hass“ Mohameds gegen die Juden kann nicht als „Kritik“ interpretiert werden – etwa im Sinne jener verschärften innerjüdischen Debatten, die den anti-jüdischen Stellen des Neuen Testaments zugrunde liegen –, sondern ist eindeutig Völker- und Fremdenhass, generelle Ablehnung und Herabminderung des „Anderen“, dezidierte Aufhebung des biblischen Prinzips der Nächstenliebe.
„In diesem Buch wird etwas vor Augen geführt, das im Grunde bekannt ist“, beginnt Hans-Peter Raddatz (S. 9). „Antisemitismus scheidet die Geister, den Menschen vom Unmenschen.“ Das komplexe Phänomen ist letztlich irrational: „Historische, politische, religiöse, kulturelle, soziologische Erklärungen können den Antisemitismus nur in ihren Teilbereichen erfassen“ (S. 176). Es handle sich „um ein übergreifendes und zeitloses Bewusstseinsproblem“. Der irrationale, unauslotbare Kern dieser Hass-Haltung, die es längst vor dem Islam, seit antiken Zeiten, gegeben hat, eigene sich jedoch für Aktionen „elitärer Aggression“ (S. 177), einer Aggression nämlich, die zu ihrer Legimitierung die biblische Gleichheit der Menschen vor dem Schöpfer ausschalten und zweierlei Menschsein erklären muss, etwa von „Über-“ und „Untermenschen“ oder von zu allem berechtigten „Gläubigen“ und rechtlosen „Ungläubigen“.
Vom Standpunkt des orthodoxen Islam haben Juden in einer islamischen Gesellschaft grundsätzlich den Status von dhimmis, von nur bedingt Geduldeten, Tributpflichtigen, potenziell Enteigneten. Im Koran bleiben Juden und Christen, obwohl sie gelegentlich „Leute des Buches“ genannt werden, rechtlich gesehen den „Ungläubigen“ gleichgestellt, das heißt zur Verfolgung und Vernichtung freigegeben. Sie wurden unter Umständen aus Nützlichkeitserwägungen in islamischen Reichen geduldet, doch immer wieder in der Geschichte auch einfach ausgetrieben oder umgebracht. Mit historischer Akribie erinnert Raddatz an die verschiedenen Wellen islamischer Judenverfolgung – etwa die der Almohaden (S. 85) –, die den jüdischen Religionsphilosophen Maimonides aus Spanien vertrieb und zu einer überaus negativen Einschätzung der Beziehung zwischen Islam und Juden veranlasste (in seinem igeret tejman, einem rabbinischen Responsum von 1172, aus dem Raddatz, wenn auch in einer etwas unglücklichen deutschen Übersetzung, zitiert).
Raddatz macht sich die Mühe, die jeweiligen Ausbrüche von Judenverfolgung aus ihrem zeitgenössischen Kontext und der eben bestehenden inner-islamischen Situation herzuleiten, wobei er das Zeitlose des Vorgangs, den bereits in den religiösen Grundlagenschriften des Islam fixierten Judenhass, niemals aus den Augen verliert. Die Juden betreffenden Regulierungen von Koran, Hadith, Sharia etc. wurden über die Jahrhunderte zu einem Potenzial judenfeindlichen Vorgehens ausgebaut, aus dem sich heute fundamentalistische Bewegungen bedienen können, etwa die palästinensische Hamas, die in ihrer Charta den Dauerkampf gegen den „zionistischen Feind“ bruchlos aus Koran-Versen und Hadith-Sprüchen legitimiert. Raddatz belegt überzeugend, dass der Judenhass heutiger „Islamisten“ nichts anderes ist als die Fortsetzung lange bestehender Traditionen. Angesichts dessen setzt er sich mit anderen Islamwissenschaftlern auseinander, die in oft erstaunlicher Leichtgläubigkeit den Mythos von einer vergleichsweisen Toleranz des Islam gegenüber den Juden verbreiten, etwa B. Lewis (S. 69).
Dem islamischen Judenhass von Mohammed bis in die Moderne stellt Raddatz bekannte Fälle christlicher Judenfeindschaft gegenüber, so die Auseinandersetzung zwischen den Dominikanern und Johannes Reuchlin (S. 135 ff.), wobei er gemeinsame, sozusagen „unsterbliche“ Stereotype herausarbeitet, zugleich jedoch generelle Unterschiede feststellt. Sie zeigen sich etwa darin, dass sich in christlichen Nationen jederzeit Fürsprecher für die Sache der Juden fanden und nicht selten öffentlich obsiegten wie Reuchlin, dem eine vom Papst veranlasste Untersuchung am Ende gegen die Dominikaner recht gab. „Die neue Öffentlichkeit“ westlicher Gesellschaften, schreibt Raddatz (S. 136), habe begonnen, „Nichtjuden […] zu ermöglichen […], Partei für die Juden zu ergreifen“.
Grundsätzlich sei das Phänomen Judenhass Gradmesser für den Entwicklungsstand einer Gesellschaft. Seine Bedeutung resultiere daraus, dass „die Juden […], ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, als das erste Gesetzesvolk der Geschichte auf unser aller Geschichte einwirken“ (S. 312). Fähigkeit oder Unfähigkeit einer Entität, mit dem Judentum umzugehen und zusammenzuleben, enthält daher eine Voraussage für ihre Zukunftschancen: eine eher positive Prognose für den Westen und eine wenig hoffnungsvolle für den heutigen mainstream-Islam. Warum Raddatz dennoch eine düstere Zukunft für Europa sieht (S. 317 ff.), ist nicht wirklich schlüssig.
Was an der Studie besticht, ist die geistige Klarheit der Darlegung, unerschrocken, frei von Rücksichten auf heutige Verabredungen innerhalb der Islamwissenschaft. Das Erstarken des Islam in Europa bringt Erscheinungen mit sich, die man lange zu ignorieren oder zu beschönigen suchte, unter denen aber einige so eklatant sind, dass sich ihnen der öffentliche Diskurs zuwenden muss. Dazu gehört der „neue Antisemitismus“, die Revitalisierung einer in Europas Geschichte katastrophalen Fehlhaltung. Dieser durch islamische Gruppen importierte Judenhass trifft auf Rezidive des alt-europäischen. Eine Auseinandersetzung mit der neuen Gefahr bleibt den europäischen Gesellschaften nicht erspart. Raddatz’ Buch ist ein wichtiger Aufklärungstext in diesem Prozess.

Chaim Noll



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